Aktuelles

Zopf, Schaukel, Knall, Falte: Form und Formung in Enno Poppes „Haare“, „Fingernagel“, „Trauben“ und „Buch“

Vom 15. 05. 2017

„Seine Musik ist einzigartig und unverwechselbar, eben poppesk! Wer sie einmal erlebt hat, wird sie wiedererkennen – und dennoch niemals wissen, wie ein Stück beginnt, verläuft und endet. So wie sich alle seine Stücke ähneln, und doch keines dem anderen gleicht, entspricht im Detail kein Ton dem anderen. Obwohl alles mit allem zusammenhängt, ist dennoch nichts identisch. Wie ein Phänomenologe will Poppe genau wissen, mit welchem Material er arbeitet, und dem Hörer zeigen, welcher Reichtum darin steckt. Scheinbar belanglose Einzeltöne, Intervalle, Tonwechsel oder Glissandi betrachtet er mit größter Akribie wie unter dem Rastermikroskop, indem er die komplexe Molekülstruktur der Partikel durch kompositorische Ausfaltung gleichsam vergrößert und in hörbare Verbindungen und Formverläufe bringt. Die Klarheit der jeweils individuell gewählten materialen Anordnung und prozessualen Entfaltung macht Poppes Werke bei all ihrer überraschenden Eigenart und Komplexität für den Hörer stets fasslich.“ (S. 5)

Musik-Konzepte Neue Folge Bd. 175 - Enno Poppe

Der Gang durch die Klippen

Vom 25. 09. 2013

Luigi Nono (1924–1990) und Helmut Lachenmann (*1935), zwei der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, waren durch ein außergewöhnliches Lehrer-Schüler-Verhältnis verbunden. Bei den Darmstädter Ferienkursen 1957 zeigte sich der damals 21jährige Musikstudenten Lachenmann vom charismatischen und international bekannten Avantgardisten Nono derart beeindruckt, dass er gleich im folgenden Jahr zu diesem als Schüler nach Venedig ging. Ihre Beziehung erlebte Lachenmann fortan als wechselhaften „Gang durch die Klippen“, mit intensivem Austausch von Ideen, Plänen und Kompositionen, mit persönlichen und künstlerischen Krisen, Zweifeln, Selbstzweifeln und hitzigen Kontroversen, die zu Zerwürfnissen, einer mehrjährigen „Funkstille“ und schließlich zu einer beständigen Freundschaft ebenbürtiger Gesprächspartner führten. Dokumentiert wird diese besondere Künstlerfreundschaft durch zahlreiche Briefe, Postkarten, Widmungen, Skizzen, Notizen, Semesterberichte und Vortragstexte, die hier erstmalig veröffentlicht, kontextualisiert und kommentiert werden. Es sind herausragende Quellen von allgemein musikhistorischem Aussagewert, die Nonos lebenslanges Suchen als Mensch und Künstler ebenso bezeugen wie Lachenmanns von Anfang an enge Verknüpfung von kompositorischer Praxis mit theoretischer Reflexion. Der teils private Charakter dieser Dokumente eröffnet zugleich neue Sichtweisen auf zentrale technische, ästhetische und (musik)politische Fragen der neuen Musik.

Breitkopf & Härtel